DIE ILDEFONSOGRUPPE
 
im Park von Sanssouci zu Potsdam
Gedanken beim Betrachten der Skulptur

von Othmar Rahm


 
Die Ildefonso-GruppeM PARK SANSSOUCI präsentiert sich uns heute ein einzigartiges Freilichtmuseum von ungeheurer Vielfältigkeit. Wer mit offenen Augen lustwandelt, wird nicht verkennen, daß Skulpturen mit thematischem Bezug zur Antike den Hauptanteil stellen. Dazu gehört auch das Werk, dem diese Betrachtung gewidmet ist.
Im Katalog der Bauten und Plastiken wird es als "Ildefonsogruppe" geführt. Der Zusatz "zwei Jünglinge am Altar" kann den neugierigen Betrachter allerdings nicht zufriedenstellen, ich halte ihn schlicht für falsch.
 
IN KLOSTER IN SPANIEN war dem heiligen Ildefons geweiht und führte, wie auch der Ort, seinen Namen. Später hatte Philipp V. von Spanien in den ehemaligen Klostergebäuden einen Landsitz und brachte dort auch seine Antikensammlung unter, worunter sich diese Gruppe befand.
Bei der Überführung nach Madrid in den Prado bekam sie dann diesen Namen. 1837 wurde die Kopie der Ildefonsogruppe geschaffen und 1839 hier aufgestellt. Nach vorübergehender Aufstellung anderswo ist sie seit 1986 wieder hier an ihrem Platz.
Das kopierte Original ist aber eigentlich gar keines. Die Ildefonsogruppe in Madrid ist eine Arbeit des in Rom um 100 v. Chr. wirkenden griechischstämmigen Bildhauers Pasiteles. Er hat mit Vorliebe altgriechische Originale für reiche römische Kunden kopiert.
Ein griechisch-antikes Original der Ildefonsogruppe ist nicht bekannt, hat es aber zweifellos gegeben. Eine Datierung ist nur mit Vorsicht zu wagen, etwa zwischen 400 und 300 v. Chr.
 
ARDINAL LUDOVISI baute 1621/22 auf dem Pincio-Hügel in Rom, bei dieser Gelegenheit wurde neben vielen anderen Antiken diese Marmorgruppe wahrscheinlich gefunden. 1623 wird sie bereits in einem Verzeichnis der Sammlung Ludovisi aufgeführt.
Nach mehrmaligen Besitzerwechseln durch Verkauf oder Erbschaft, u.a. war auch Königin Christina von Schweden Besitzerin, erwarb sie 1724 Philipp V. von Spanien und brachte sie nach San Ildefonso. Von dort kam sie 1839 nach Madrid in den Prado.
 
IR SEHEN ZWEI JÜNGLINGE und daneben eine Frauenstatuette. Die Nacktheit deutet darauf hin, daß es sich nicht um Individuen handelt, sondern um die idealistische Verkörperung eines Prinzips oder einer Gottheit.
Bei der kleinen Frauengestalt sagt der kronenartige Kopfputz, der Kalathos, daß es sich auch um eine götterähnliche Personifikation handeln muß.
Betrachten wir nun die beiden Jünglinge genauer. Sie stehen sehr vertraut nebeneinander, einer hat seine Hand auf die Schulter des anderen gelegt. Sie sind sich höchst ähnlich, was auf Zwillinge, also Brüder schließen läßt.
Beide haben Attribute, der eine hält eine kreisrunde Scheibe in der Hand, die er zu betrachten scheint, der andere hat zwei brennende Fackeln, beide nach unten gesenkt, sein Blick scheint ins Leere zu gehen.
 
IE BRENNENDE FACKEL ist Sinnbild des Lebens. Wer die Fackel senkt und damit löscht, bringt den Tod. Also ist dieser Jüngling der Tod. Damit ist auch klar, wer der andere Zwilling ist. Der Schlaf ist der Bruder des Todes! Auf den Schlaf deutet auch die Haltung der Beine.
Die übereinandergeschlagenen Beine, eine Erinnerung an die Embryonalstellung, werden in der Antike immer benutzt, um auf Schlaf hinzuweisen. Dann kann die kreisförmige Scheibe nur ein Spiegel sein, wozu sollte der Jüngling sonst so intensiv hineinblicken.
Dieser Spiegel symbolisiert den Traum, der mit dem Schlaf verbunden ist. Im Traum spiegelt sich die erlebte Wirklichkeit, vielleicht verzerrt oder verkürzt, je nach Änderung des Blickpunktes.
 
IE TRÖSTLICH UND SCHÖN, den unerbittlichen Tod, den wir im christlich zivilisierten Abendland nur schaudernd als Gerippe darstellen, in dieser Gestalt zu sehen. Und die Griechen der Antike sahen ihn so: Tod und Schlaf sind Brüder! Die Nacktheit und die bekränzten Häupter weisen die Zwillinge als Genien aus.
Auf vielen Grabmälern und Sarkophagen der Antike kann man sie sehen, dann oft sehr viel kleiner und jünger dargestellt. Aber immer erinnern die übereinandergeschlagenen Füße an den Schlaf.
Für die Griechen war auch der Tod nur ein Schlaf. Ihre Religion bürgte für ein Weiterleben des Geistes, der Seele, nach dem Tode. Deshalb deute ich die Frauengestalt als die Personifikation der Seele, als die Göttin Psyche.
Die Seele bleibt wach und lebendig bei Schlaf und Tod. Im Schlaf erlebt sie die gespiegelte Wirklichkeit des Traums, den Tod übersteht sie in der Unterwelt im Reich der Schatten.
 
OTTHOLD EPHRAIM LESSING veröffentlichte im Jahre 1769 bei Christian Voß in Berlin eine Streitschrift unter dem Titel: "Wie die Alten den Tod gebildet". Die "Alten" sind natürlich die Menschen der Antike, vor allem der griechischen, "gebildet" meint "dargestellt".
Lessing verweist ausdrücklich auf die überkreuzten Füße als Schlafhaltung und die gesenkten Fackeln. Es gibt auch Beispiele, wo beide Brüder Fackeln halten. Die kleine Frauengestalt deutet er als die Nacht, die Mutter der Zwillinge Schlaf und Tod.
Mir ist natürlich meine Deutung als Psyche lieber, sie steht dem religiösen Gehalt der Darstellung näher.
 
IE DARSTELLUNG DER GRIECHEN von Schlaf und Tod im allgemeinen und besonders die Ildefonsogruppe fand viele Bewunderer und Liebhaber. In Goethes Haus in Weimar befindet sich eine Kopie im Treppenhaus. Eine weitere steht an der Straße, die am Weimarer Schloß vorbei zur Zentralbibliothek der Deutschen Klassik führt.
 Eine Kopie steht im Park von Versailles. Eine Kopie in Bronze von 1833 gehört zur Ausstattung des Schloßgartens Berlin-Charlottenburg und steht nach der Restaurierung seit 1998 wieder an ihrem Platz. Ebenso steht eine Kopie im Innenhof des Glienicker Schlosses. Bertel Thorvaldsen schuf nach 1824 das Grabmal für Eugene de Beauharnais, den Stiefsohn Napoleons und späteren Herzog von Leuchtenberg, in der Münchener Michaelskirche.
 Auch er stellte der lebensgroßen Statue des Verstorbenen die antiken Zwillinge zur Seite, ganz nach dem Vorbild der Ildefonsogruppe. Eine von Friedrich Wilhelm. VI. gestiftete Marmorkopie stand im Schloßpark von Neustrelitz, die in den Nachkriegsjahren zerstört und später durch eine Sandsteinkopie ersetzt wurde.
 Die festlich gestalteten Säle der dortigen Orangerie sind mit schönen Alabasterkopien vieler Antiken ausgestattet, darunter eine weitere Ildefonsogruppe. Die berühmte Eisengießerei Lauchhammer fertigte gußeiserne Kopien der Skulptur, die als Serienware für Brunnenanlagen oder Kaminaufsätze fungierten. Sie konnten durch einen Anstrich das Aussehen von Marmor bekommen.
 Im Park des Schlosses von Bad Freienwalde steht eine solche Ildefonsogruppe, die früher im Innern des Schlosses angebracht war, jetzt allerdings schwarz gestrichen. Selbstverständlich steht im Akademischen Kunstmuseum in Bonn unter den vielen anderen Kopien der bekanntesten Statuen der Antike auch ein Gipsabguß der Ildefonsogruppe.
 
IR HABEN NUN betrachtet und bedacht, was die Menschen der Antike vor mehr als 2000 Jahren über den Tod vermitteln wollten. Ganz sicher hatten sie die gleiche Furcht vor diesem unerbittlichen Ereignis wie wir alle.
Uns hilft weder unser häßliches Skelett, dieser knochige Sensenmann, noch der schöne griechische Jüngling da heraus. Doch denke ich, die Art, den Tod darzustellen, zu "bilden", wie Lessing schrieb, sagt etwas über unsere Geistesverfassung aus.
Deshalb halte ich es für heilsam, diese schöne Gruppe zu betrachten und sich dieses Bild vor Augen zu rufen, wenn man einmal von ängstlichen Gedanken heimgesucht wird.
Und daß ein König sich solch ein Bildnis in seinen Garten stellte, kann uns bewegen, die Philosophie, die uns die Zwillinge vermitteln wollen, in unsere Geisteslandschaft zu übernehmen.
 
 
Nachtrag:

In der linksstehenden Gestalt der Ildefonsogruppe erkennen viele die Gesichtszüge des Antinoos. Mehr zu diesem schönen Liebling des Kaisers Hadrian in dem interessanten virtuellen Museum, das Darstellungen des Antinoos aus aller Welt zeigt: http://www.antinoos.info/antinoos.htm

Hier noch zwei weitere Links zu Antinoos-Forum und -Webseiten:
Forum: http://antinous.wai-lung.com/forum/ Homepage: www.wai-lung.com/antinoos.htm

Die Deutung der Skulpturengruppe war von Anfang an umstritten. Weil die Frauenstatuette ein Ei in den Fingern hält, das ja durchaus auch als Zeichen des Weiterlebens, des Überdauerns von Schlaf und Tod verstanden werden kann, dachte man an Leda, die nach der Begattung durch Zeus als Schwan drei Eier legte
 Aus einem entschlüpfte Helena, aus einem anderen die beiden Zwillinge Kastor und Polydeukes (Pollux), deshalb wird die Gruppe oft als "Dioskuren" bezeichnet. Wiederum eine andere Deutung versteht die Zwillinge als Abend- und Morgenstern.
 
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